„Wir haben ein unglaubliches Team aufgebaut hier bei Camper/Emirates Team New Zealand“

Zwei Inport-Rennen und die letzte Etappe des Volvo Ocean Race 2011-2012 trennen Camper/Emirates New Zealand vom Ende eines Rennens, dessen Ausgang bei der neuseeländisch-spanischen Kooperation sicherlich mit gemischten Gefühlen erwartet wird. Während des vorletzen Stopovers in Lorient, FRA, sprach Sailing Anarchy mit Campers Skipper Chris Nicholson (Nico):

Sailing Anarchy: Vor ungefähr neun Monaten dachen viele, dass Camper diese Ausgabe des Volvo Ocean Race dominieren würde. Das Boot war als erstes im Wasser, und alles schien glatt zu laufen. Es kam aber anders. Was identifizierst Du als Hauptfaktor dafür?

Nico: Sehr oft sieht es aus, als können das mehrere Faktoren sein, aber in puncto Vorbereitung für das Rennen und Training glaubten wir, eine fast ideale Vorbereitung gehabt zu haben. Wir segelten 10.000 Meilen, wir hatten unsere Arbeit und Hausaufgaben gemacht. Ja, wir waren eins der ersten Boote im Wasser, aber auch ein Ein-Boot-Programm. Das ist nicht die ideale Startposition, aber unter Berücksichtigung unseres Budgets ist es der einzige vernünftige Weg, dieses Rennen anzugehen.

Also, während das neue Boot das erste im Wasser war, haben andere Teams noch in alten Booten trainiert und schoben so ihre Design- und Bauzeit etwas weiter auf. Das führt zu ein paar Unterschieden, die sich summieren können. Aber recht häufig ist das, worauf es bei diesem Rennen ankommt, man muss manchmal sogar leider sagen, dass man das schnellste oder fast schnellste Boot in diesem Rennen sein muss. Und manchmal waren wir dieses Boot nicht.

Camper beim Inport-Race in Lorient

Sailing Anarchy: Hat dieses „weniger schnelle“ Boot die taktischen Entscheidungen beeinflusst?

Nico: Manchmal ja, manchmal muss man mehr riskieren, um zu versuchen, diesem Punkt entgegenarbeiten zu können. Aber, um ehrlich zu sein, hat es uns nicht groß beeinflusst. Wir haben nur ein oder zwei kleine Schwachstellen, und unglücklicherweise für uns haben die ersten drei Etappen dieses Rennens vom Wetter her leider direkt auf unsere Schwachstelle abgezielt. Das war eine Kombination einiger verschiedener Faktoren: Das Wetter war nicht normal und, wie ich denke, auch die Etappen an sich nicht.

Also, taktisch wussten wir, wo wir stark und wo wir schwach waren, und wir versuchten, dem Rechnung zu tragen, indem wir sogar einen dritten oder vierten Platz riskierten, was immer noch gute Punkte in der Tabelle brachte. Die wirft man nicht wegen einer Schwachstelle weg.

Sailing Anarchy: Inwieweit waren Du oder die ganze Mannschaft in das Design und die Konstruktion des Bootes miteinbezogen?

Nico: Wir waren natürlich stark mit einbezogen bezüglich vieler kleiner Details, wie Deck-Layout, dafür zu sorgen, dass das Boot bei Inport-Rennen funktioniert und das Segelprogramm. Ich kann sagen, es gab ziemlich viel Input von der Segel-Seite. Am Ende sind wir die Endbenutzer des Produktes, und wir haben gesagt, wir wollten ein Boot, das viele Meilen machen kann, wie 400 bis 500 Meilen am Tag. Um das zu tun braucht man ein Boot, das schnell raumschots und vor dem Wind segeln kann. Traditionell war das der Sieger des Rennens, und ich denke, er wird es auch dieses Mal sein.

Camper gewinnt den Start des Inport-Rennes in Lorient

Sailing Anarchy: Eine Frage von Anarchist HHN92: Falls es beim nächsten Mal eine Einheitsklasse gibt – und wir haben vor einigen Minuten erfahren, dass dem so sein wird – wird dieser Input nicht mehr erforderlich sein. Was denkst Du über diese Wahl?

Nico: Ich mag die Idee einer Einheitsklasse ziemlich. Ich denke, sie ist für viele Leute ansprechend, zum Beispiel mich. Mein Background ist mehr Einheitsklasse als irgendetwas anderes.

Die Segler benötigen eine Menge an Können um diesen Booten [VOR Open 70] zu helfen, dahin zu kommen, wo wir jetzt sind. Aber man muss beachten, dass am Ende der Input der Segler nur Feinabstimmung ist dessen, was von den Designern kommt. Die Designer sind diejenigen, die es richtig machen, oder die die letztendliche Geschwindigkeit definieren. Wir Segler machen die Feinabstimmung. Bezüglich „Segler verlieren hier Input“, ja, ein bisschen, aber die Segler bekommen auch absolute gleiche Wettbewerbsbedingungen, um gegeneinander anzutreten. Für mich ist das von großer Wichtigkeit.

Ich mag es, wenn ich morgens aufwache, egal ob ich gewonnen oder verloren habe, zu wissen, es ist einzig meinetwegen und wegen meines Teams. Also begrüße ich das.

Sailing Anarchy: Bevor Ihr in die Southern Ocean-Etappe gestartet seid warst Du sehr zuversichtlich und hast das Boot dann sehr hart rangenommen. Wie wir wissen, endete das dann in Puerto Montt. Was hat Dich dazu bewogen zu glauben, dass das Boot verlässlich genug ist, um es so extrem zu belasten?

Nico: Wir haben höchstwahrscheinlich mehr Meilen abgespult als jedes andere Team,  wir haben im Training über 10.000 Meilen gemacht. Und wir haben viele sehr harte Meilen um Neuseeland herum gemacht. Wir hatten viele Zeiten mit mehr als 30 Knoten in Neuseeland. Sogar als wir das Boot von England runter nach Palma brachten, hatten wir 50 Knoten im Ärmelkanal. Also hatten wir unter vielen harten Bedingungen gesegelt, wir haben es dem Boot nicht leicht gemacht. Ich denke, das ist der einzige Weg, das Rennen anzugehen, und wir dachten, wir hätten alles versucht, was möglich war mit dem Wetter, das uns zur Verfügung stand, und die Zuverlässigkeit war ziemlich gut.

Andererseits hatten wir einen Bruchschaden, der an keinem schlechteren Ort der Welt bei diesem Rennen hätte passieren können. Das ist keine Entschuldigung, es ist einfach eine Tatsache. Die Schäden der anderen Teams traten nahe der Küste auf oder in einer Entfernung wo sie immer noch in guter Form an die Küste kamen. Obwohl unser Schaden kein K.O.-Kriterium war, trat er in einem Teil der Welt auf, der einfach gnadenlos ist. Und wir haben einen ziemlich hohen Preis dafür gezahlt.

Sailing Anarchy: Die Leute auf der ISS waren näher an Euch dran als jeder Mensch an Land.

Nico: Ja sicher. Ich habe ihnen eine E-Mail geschickt, aber sie wollten nicht runterkommen, um uns zu helfen.

Sailing Anarchy: Schade. Ihr habt Adam Minoprio an Bord, einen hervorragenden Match Racer, der Nahkämpfe gewöhnt ist. Habt Ihr jemals daran gedacht, ihn bei den Inport-Rennen ans Steuer zu lassen?

Nico: Beim Programmstart haben wir darüber geredet, wer am besten geeignet ist für den Job. Und vergiss nicht, dass das kein Match Race, sondern eine 6-Boot-Flotte ist, und da gibt es einige große Unterschiede. Es gibt einige bei uns, die diesen Job machen könnten.

Letzendlich geben wir immer noch eine recht gute Vorstellung bei den Inport-Rennen ab.

Camper/Emirates Team New Zealand auf der Siegerehrung nach dem Inport-Rennen in Lorient
Camper/Emirates Team New Zealand auf der Siegerehrung nach dem zweiten Platz im Inport-Rennen, Lorient

Sailing Anarchy: Du bist auf Groupama 3 gesegelt. Würdest Du Dich gerne zukünftig auf einem Mehrrumpfboot sehen?

Nico: Potentiell ja. Es ist offensichtlich, dass sie sehr schnell sind, aber das Gefühl für die Geschwindigkeit ist nicht dasselbe wie in einem Einrumpfboot. Wir haben 30 Knoten auf Groupama gemacht, und es war alles relativ ruhig und gelassen, während Du bei 30 Knoten auf einem Volvo70 spürst, dass Du lebst.

Ich habe meine Zeit in Tornados abgeleistet, und ich genieße ziemlich, die Feinabstimmung eines High-Performance-Bootes wie eines Mehrrumpfbootes zu machen.

Sailing Anarchy: Welche Pläne hast Du für die Zukunft? Schon irgendwo unterschrieben?

Nico: Nein, noch nichts unterschrieben, aber ich gucke mir natürlich einige Sachen an. Im Moment gibt es viel Racing, das zu tun ziemlich aufregend ist, und ich denke, ich bin in dem schönen Alter, einfach etwas Auszeit am Ende dieses Rennens zu nehmen und weise auszuwählen.

Sailing Anarchy: Gibt es noch irgendetwas, dass Du sagen möchtest, Dich aber nie getraut hast?

Nico: Nein, alles prima. Es ist lustig, es sind noch insgesamt zwei Wochen übrig ein langes Projekt zu beenden, und ich denke, alles in allem hatten wir ein gutes Projekt. Es war gewiss ereignisreich, und wir haben ein unglaubliches Team aufgebaut hier bei Camper/Emirates Team New Zealand, eins, auf das jeder hier im Projekt stolz ist.

Sailing Anarchy: Toll. Viel Glück für den Rest dieses Rennens und vielen Dank.

Nico: Vielen Dank.

Fotos: © Andy

Ein Kommentar zu “„Wir haben ein unglaubliches Team aufgebaut hier bei Camper/Emirates Team New Zealand“

  1. Hallo Judy und vielen Dank für das tolle Interview mit Nicholson! Toll, dass der Mann so offen über das CAMPER Projekt spricht und Du keine Hemmung hast, die kritischen Punkte bei der Designwahl anzusprechen. Mann, was ich Dich um die Tage in Lorient beneide, weiterhin viel Spaß und genieß die Tage in Frankreich!

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